Storys

Torgefährlicher Freigeist Laura Freigang

Zusammenfassung zweier Artikel von sportschau.de [Original] über Nationalstürmerin Laura Freigang

Die winterliche Jacke legte Laura Freigang gleich wieder zur Seite. Sie war doch gar nicht nötig. "Ich bin noch heiß", ließ die Nationalspielerin lächelnd die Dame vom DFB wissen, die wenige Minuten nach Spielschluss mütterlich nachfragte, ob sie im kalten Wiesbaden nicht friere. Freigangs Worte bezogen sich natürlich auf ihren eigenen Gemütszustand so kurz nach Abpfiff und auf die vorangegangen 90 Fußball-Minuten im Spiel gegen Norwegen, das so manchem Anhänger des deutschen Frauen-Nationalteams richtig warm ums Herz werden ließ. Die DFB-Auswahl hatte den Klassiker nach einer überzeugenden Leistung mit 3:1 für sich entschieden, und zum wiederholten Male war es die Mittelstürmerin Laura Freigang aus Frankfurt, die einem Länderspiel der jüngeren Vergangenheit ihren Stempel aufdrückte.


Laura Freigang besorgte den wichtigen Ausgleichstreffer zum 1:1 gegen Norwegen. Es war bereits ihr siebter Länderspieltreffer im erst sechsten Einsatz für die Nationalmannschaft - eine starke Quote, die die Spielerin selbst aber in aller Bescheidenheit einordnete. "Wenn man sich die Tore anschaut, habe ich ja keines aus größerer Distanz als aus zweieinhalb Metern erzielt. Ich musste ja nur einschieben", sagte Freigang. Aber was heißt nur? "Es stimmt, sie hat noch kein wunderschönes Tor gemacht. Aber sie hat ein gutes Näschen. Sie steht dann da, um mit Kopf, Knie, Bein oder wie auch immer ein Tor zu machen", meinte die Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg über ihre jüngste Entdeckung und aus der eigenen Erfahrung von 125 Länderspielen. 

Im März des vergangenen Jahres machte Freigang ihr erstes Länderspiel, es war ein unspektakulärer Kurzeinsatz. Doch schon beim zweiten Auftritt im DFB-Dress zeigte die 23-Jährige ihre Knipserqualitäten, als sie gegen Montenegro schon nach zwei Minuten ihr erstes A-Länderspieltor erzielte. Richtig aufsehenerregend war dann das dritte Spiel mit drei Freigang-Toren beim 6:0 über Griechenland. "Für uns ist es schön, wenn jemand da ist, der die Tore macht", sagt die Bundestrainerin. Generell gebe es bei ihrer Newcomerin in Sachen Durchsetzungsvermögen, Ballbehauptung, Kombinationsspiel noch Luft nach oben, erklärte Voss-Tecklenburg, nicht ohne gleichzeitig die vielen positiven Eigenschaften von Laura Freigang herauszustellen: "Sie ist hartnäckig, hat eine Frechheit und Lockerheit und lässt sich nicht verrückt machen." 
 

Auch bei ihrem Klub, der Frankfurter Eintracht, wissen sie, was sie an der Mittelstürmerin haben. In bislang 58 Bundesligapartien stehen 38 Treffer zu Buche, zwölf davon in diesem Spieljahr. Bei diesen Zahlen ist natürlich auch bei ihr die Frage aller Fragen in diesem Klub aktuell unumgänglich: Ob es denn schon Angebote von größeren Klubs gegeben hätte oder ob sie versprechen könne, bei der Frankfurter Eintracht zu bleiben, wollte man von Freigang nach dem Spiel in Wiesbaden wissen. "Ich habe nicht vor, irgendwo anders hinzugehen. Das sage ich ganz offen. Mein Vertrag geht noch über zwei Jahre hier, und mir gefällt's in Frankfurt. Deswegen mache ich mir da nicht so große Gedanken drüber", sagte sie. Es klang sehr ehrlich.

Belastungssteuerung wird in Corona-Zeiten auch für den Frauenfußball ein immer bedeutsameres Thema. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg kündigt für den Abschluss der EM-Qualifikation in Ingolstadt gegen Griechenland (Freitag, 16 Uhr) und in Dublin gegen Irland (Dienstag, 18 Uhr) jedenfalls umfangreiche Rochaden an, um Rücksicht auf die Spielerinnen vom VfL Wolfsburg und FC Bayern zu nehmen, die im Dezember noch in der Champions League gefordert sind. "Wenn es irgendwie möglich ist, soll keine Spielerin zwei komplette Spiele machen." Wegen der makellosen Bilanz mit sechs Siegen ohne Gegentor und der somit bereits bewerkstelligten EM-Qualifikation bietet sich somit eine Chance für jene Akteurinnen, die aus der zweiten Reihe auf mehr Spielanteile hoffen. So wie Laura Freigang von Eintracht Frankfurt, die in der Frauen-Bundesliga mit zehn Treffern die Torjägerinnenliste anführt.

Die forsche Newcomerin schoss im EM-Qualifikationsspiel in Montenegro (3:0) im zweiten Länderspiel ihr erstes Tor und hat sich für die Zukunft auch im DFB-Dress einiges vorgenommen. "Ich komme nicht nur zur Nationalmannschaft, um zu lernen, sondern habe selbst etwas zu bieten", sagt die 22-Jährige selbstbewusst.

Bereits in der Vorsaison war die Frankfurter Nummer zehn mit 16 Saisontreffern gemeinsam mit Nationalstürmerin Lea Schüller (FC Bayern/vorher SGS Essen) treffsicherste deutsche Spielerin. Die im Verein meist als hängende Spitze agierende Offensivallrounderin hat auch bei der Bundestrainerin noch einmal an Wertschätzung gewonnen. "Sie ist eine sehr spannende Spielerin, die  im physischen Bereich große Schritte gemacht hat", sagt Voss-Tecklenburg. Zudem sei die gebürtige Kielerin "ein unheimlicher guter Typ, ein bisschen anders als die anderen". Die im Sommer nach Frankfurt gewechselte Nationaltorhüterin Merle Frohms beschreibt ihre neue Mitspielerin so: "Sie haut direkt raus, was sie denkt." Offen geht Freigeist Freigang auch damit um, dass sie anfangs beim 1. FFC Frankfurt diejenige war, die das meiste in die Mannschaftskasse zahlte. Hier mal zu spät, dort etwas vergessen. Sie sei eben kein Organisationstalent, erklärte sie.

Dabei gilt sie als vielseitig begabt. Für ihren jüngeren Bruder Lukas schnitt sie einst ein Video zusammen, um sich für die WM 2014 in Brasilien über einen FIFA-Sponsor als Einlaufkind zu bewerben. Und siehe da: Lukas durfte zusammen mit dem Vater tatsächlich nach Rio de Janeiro reisen. "Er ist sogar im WM-Finale an der Hand von Philipp Lahm eingelaufen, das war natürlich ein Riesenerlebnis." Und monatelang erstes Gesprächsthema in der Familie.

Zum Fußball kam sie wie von selbst. "Ich hatte einfach Spaß daran und wollte unbedingt im Verein spielen." Sie begann im Kindesalter beim FSV Oppenheim, spielte zwischenzeitlich in der Jugend drei Jahre für Holstein Kiel, als es die Familie noch einmal in den Norden verschlug.

Danach heuerte sie beim TSV Schott Mainz an, wo sie schon im Teenager-Alter beim Aufstieg in die 2. Frauen-Bundesliga mithalf. Parallel kickte sie bis zu den B-Junioren noch bei den Jungs mit. "Da hatte ich oft zwei Spiele am Wochenende, aber es hat mir nicht geschadet", erinnert sich Freigang.

Prägend sollte der Abstecher in die Vereinigten Staaten sein. Mit 18 ging sie an die Pennsylvania State University, um Sport und Studium zu verbinden. Gleich bei ihrem ersten College-Spiel kamen 5.000 bis 6.000 Zuschauer, erinnert sich Freigang, die vom ersten Tag an eine enorme Wertschätzung für den Frauenfußball spürte. Ein willkommener Kontrast zu den Realitäten hierzulande, denn Freigang erzählt offen, dass sie selbst im eigenen Freundeskreis noch von Vorbehalten hört.   

Fußballerisch wie menschlich will sie daher die Zeit in den USA nicht missen. Auf der einen Seite habe sie eine neue Kultur, auf der anderen Seite auch eine andere Art Fußball zu spielen – nämlich deutlich körperbetonter – kennengelernt. Teilweise bestritt sie zwei Spiele in einer Woche, "und zwischen den Spielen sind wir noch geflogen".

Im Sommer 2018 unterbreitete ihr Niko Arnautis als Trainer des 1. FFC Frankfurt das Angebot, sich doch in Deutschland auf die U20-WM vorzubereiten. Freigang gefiel es nach einigen Einheiten so gut, dass sie gleich dort blieb. Einige Kleidungsstücke lagern immer noch irgendwo bei einer Freundin in Pennsylvania. Eintracht-Sportdirektor Siegfried Dietrich sieht in ihr heute eine "sympathische, professionelle und erfolgreiche Fußballerin", die auf bestem Wege ist, zum Gesicht der Frankfurter Frauen zu werden, auch wenn das Team den Anschluss an die Spitzengruppe inzwischen verloren hat und wohl nicht mehr im Kampf um die Champions-League-Plätze angreifen kann.


Im Sommer zierte ihr Konterfei als erste Fußballerin das Cover des Eintracht-Vereinsmagazins. An das neue Projekt unter dem "Adler"-Dach hat sich Freigang voller Überzeugung mit der Unterzeichnung eines Drei-Jahres-Vertrages gebunden. Nebenher studiert sie Sportwissenschaften an der Goethe-Universität. Ihr hilft der Perspektivwechsel im Hörsaal, um auf andere Gedanken zu kommen. Sie ist getrieben davon, noch besser zu werden. Die Corona-Zwangspause nutzte sie, um ihre Ernährung umzustellen. Akribisch analysiert sie ihre eigenen Auftritte, oft schaut sie sich Aufzeichnungen noch einmal in voller Länge an. Gerade legt sie das Hauptaugenmerk auf ihre Positionierung zum Ball. Ist vielleicht eine offene Stellung besser, um besser ins Spiel eingebunden zu sein?

Freigang weiß: Es kommt jetzt auf jedes Detail an. Schließlich will sie auch in der Nationalmannschaft richtig Fuß fassen.

Bilder: sportschau.de

 Boom im Frauenfußball: Volle Stadien, aber nur im Ausland

Zusammenfassung aus Artikeln des Tagesspiegels vom 26.03.2019
und der Süddeutschen Zeitung vom 03.04.2019

Ein paar Sitzplätze im imposanten Neubau des Wanda Metropolitano waren schon noch frei. 67.829 Besucher passen hinein, 60.739 waren gekommen. Immerhin gastierte auch der FC Barcelona bei Atlético Madrid zum Spitzenspiel der spanischen Liga: Erster gegen Zweiter. Aber die Stars an diesem Nachmittags heißen nicht Lionel Messi oder Antoine Griezmann. Hier heißen sie Lieke Martens und Amanda Sampedro. Eine außergewöhnliche Kulisse zum Duell der beiden Frauenmannschaften der spanischen Topklubs.


"Das ist ein unvergesslicher Tag für uns auf so einer Bühne", sagte Atleticos Mittelfeldspielerin Silvia Meseguer. Und das trotz der Niederlage durch Tore von Barcelonas Neuzugang Asisat Oshoala (65.) und Topstar Toni Duggan (80.). Die Katalaninnen verkürzten durch diesen Prestigesieg den Abstand in der Tabelle auf drei Punkte.


Das Match im Metropolitano erlebte also seine Weltrekordkulisse. So viele Menschen waren weltweit noch nie zuvor im Stadion bei einem Ligaspiel im Frauenfußball. 2018 verfolgten 51.211 Zuschauer die Partie zwischen den mexikanischen Klubs Monterrey und Tigres. Die bis Sonntag meisten Zuschauer aber hatte ein Spiel vor 99 Jahren, als am Boxing Day 53.000 Menschen in den Liverpooler Goodison Park strömten, um sich die Kerr's Ladies gegen die St. Helen's Ladies anzuschauen. Womöglich wären solche Zahlen heute normal, hätte der englische Fußballverband den Frauen 1921 nicht verboten, weiter auf seinen Plätzen zu spielen und somit das Interesse abrupt gestoppt.

Aber so sticht nun der spanische Frauenfußball mit seinen imposanten Zuschauerzahlen heraus. Das Interesse an der Liga wächst seit Jahren. Auch, weil von vermögenden Männerklubs mehr investiert und mehr Aufmerksamkeit generiert wird. Frauenfußball ist in Spanien ein Publikumssport, der Fans im höheren vierstelligen und fünfstelligen Bereich anzieht und regelmäßig im Fernsehen übertragen wird. Selbst dort geht es mit regem Interesse zu. Das sind Sphären, von denen andere Ligen, auch die deutsche Bundesliga, träumen.


In Deutschland sind 12.464 Zuschauer wie 2014 in der Partie zwischen dem VfL Wolfsburg und dem FFC Frankfurt die absolute Ausnahme. Zwar liegt Meister Wolfsburg mit durchschnittlich 1.600 Zuschauern in Deutschland vorne, aber ein Vergleich mit Spaniens Spitzenwerten ist das nicht. Selbst in England findet der Frauenfußball wieder mehr Zulauf. 2018 kamen 45.423 Fans ins Wembley-Stadion, um sich das Finale im FA Women's Cup zwischen Chelsea und Arsenal anzusehen.

Eine beeindruckende Zahl, die welch Wunder in diesem Jahr aber auch von Spanien überboten wurde: Zum Viertelfinale in der Copa del Rey zwischen Athletic Bilbao und Atlético Madrid kamen 48.121 Besucher, schon das war ein Europarekord für ein nationales Vereinsmatch im Frauenfußball.

Zahlen, an die in Deutschland keiner zu denken wagt. Diese 60.739 Zuschauer verdeutlichen den Boom in Spaniens Frauenliga. Das Interesse an der Liga wächst seit Jahren. Auch, weil von den geldschweren Männerklubs weiter investiert wird. Zehn Spiele der Frauenliga werden in dieser Saison in Männerstadien ausgetragen, sonst wäre nicht genug Platz für alle Zuschauer. In Deutschland dagegen reichen kleine Kreissportanlagen aus, um Ligaspiele auszutragen. Strenge Auflagen für die Durchführung der Spielordnung gibt es vom DFB bislang nicht. Auf Dauer ein unhaltbarer Zustand für Vereine und Verband.


Doch die Zahlen aus Spanien sollten nicht den Eindruck erwecken, dass der Spitzenfußball der Frauen überall auf dem Vormarsch ist. Schon gleich gar nicht hierzulande. Um dies zu belegen, reicht schon ein Blick auf eines der vergangenen deutschen Topspiele zwischen dem FC Bayern und Turbine Potsdam (5:0). Jenes verfolgten knapp 1.200 ZuschauerInnen auf dem FC-Bayern-Campus in München. Das ist eine ernüchternde Zahl und dennoch liegt sie deutlich über dem Mittel. So besuchten in der vergangenen Saison im Durchschnitt gerade einmal 690 Interessierte ein Spiel in München, ligaweit waren es knapp 850 Fans. Es sind mickrige und erschreckende Statistiken. Zumal sie nicht abbilden, dass der Frauenfußball in Deutschland in der Breite immer mehr begeistert. Inzwischen sind rund eine Million Mädchen und Frauen im DFB organisiert. Der Frauenfußball scheint auch in der Gesellschaft längst akzeptiert zu sein. Aber in der Spitze geht das Interesse seit 2013 zurück.

Die Gründe: Die Liga ist mit zwölf Mannschaften zu klein. Vor allem aber sind die Niveauunterschiede viel zu groß. Der VfL Wolfsburg und Bayern München marschieren einsam vorneweg, nicht selten enden ihre Spiele mit einem Vorsprung von acht oder neun Toren. Hoffnung macht, dass acht der zwölf Teams an die Männer-Lizenzvereine gebunden sind und deren Infrastruktur nutzen können. Es bleibt also auf vielen Ebenen noch viel zu tun im deutschen Frauenfußball, damit er in geselliger Männerrunde nicht mehr belächelt wird und auch in Deutschland die großen Stadien gefüllt werden können.

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